Obertongesang in Europa

zusammengefasst nach J.E. Berendt

Tinctoris, ein neapolitanischer Hocantor in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts beschreibt z.b. in seinem Werk “ De Inventione et Usu Musice“, wie „Gerhard der Brabanter, mein Landsmann am Hof des Herzogs von Burgund, unter dem rechten Porticus der beriihmten Kirche zu Chartres vor meinen gegenwartigen Augen und Ohren den Sopranpart zugleich mit dem Tenor – nicht etwa die Tone abwechselnd – auf das Vollkommenste sang.“

Der „cantus planus“, der einstimmige Gesang der Gregorianik, war höchstwahrscheinlich gar nicht so einstimmig, wie vielleicht angenommen wird. Es gibt einige Indizien dafür, dass ein Großteil der Gregorianischen Literatur mit Obertontechniken gesungen wurde, beispielsweise die architektonische Bauart, bei der Rücksicht auf die akustische Entfaltungsmoglichkeiten von Obertönen genommen wurde. In Europa blühte der Obertongesang wahrscheinlich bis zum Aufkommen der Polyphonie und verschwand mit dem Siegeszug der Mehrstimmigkeit im 16. Jahrhundert. Auch die Einführung der temperierten Stimmung im 18. Jahrhunden ließ das Obertonbewusstsein der abendländischen Kultur immer mehr verkümmern, wie Joachim Emst Berendt in „Das Dritte Ohr“ schreibt:

„Temperierung läuft darauf hinaus, dass die natürliche Stimmung die jeder einzelne Ton durch die mit ihm und in ihm klingende Obertonreihe postuliert, negiert wird. Es ist fast so, als ob ein Musikstück, das in temperierter Stimmung gespielt wird – also praktisch jedes Stück westlicher Musik -, mit jedem einzelnen Ton darauf bestehe: corrigez la nature! Jeder Ton in einem solchen Stiick – von der Oktave abgesehen – erklingt nicht mehr in seinen natürlichen Relationen, sondern in jenen, mit denen es der Mensch ,besser‘ zu machen glaubte.“

Die Renaissance des Obertongesanges gerade in der westlichen Welt ist nach Berendt „ein Hinweis auf die notwendige Überwindung des Haftens am Äußeren und auf die Erweiterung unserer Wahrnehmung auf das Tieferliegende, das innere Wesen – nicht nur der Töne.“ Etwas, das wir heute wieder suchen, in einer Zeit neuerlichen Umbruchs ist die Mystik, die lnnenschau, die Stille. Elemente, die fiir den Obertongesang wesentlich sind.

Obertongesang wurde vor allem durch MICHAEL VETTER, ROBERTO LANERI, HANS-PETER KLEIN, DA VIDH YKES, STEPHANIE WOLF und CHRISTIAN BOLLMANN bekanntgemacht.

Deutlich mehr Info zum Thema Obertongesang gibt es zum Beispiel auf oberton.org