Obertöne singen

Diejenigen, die selbst aktiv Obertongesang betreiben, werden folgendes bestätigen: Die Wahrnehmung wird entscheidend beeinflusst, während und nach dem Obertongesang. Physikalisch und physiologisch lässt sich dies einfach erklären. Die Sinusschwingung, die der Oberton darstellt, vibriert im ganzen Körper, den Knochen, dem Blut und dem Gehirn. Dadurch werden Transmittersubstanzen beeinflusst und freigesetzt – ähnlich wie beim Trommeln, nur viel stärker und intensiver. Dies verändert dann die Wahrnehmung und das Bewusstsein – ein entheogener Effekt, ganz ohne Drogen. Synästhesien und regelrechte Halluzinationen können auftreten. Daher warnen Obertonlehrer niemals nach dem Obertonsingen Tätigkeiten wie Autofahren oder anderes dergleichen ausühren.

Vokale

Eine Möglichkeit der Erzeugung hörbarer Obertöne ist die mittels Mundraumresonanzen, wobei man während eines Ausatmungsvorganges langsam von einem Vokal zum benachbarten Vokal gleitet. Dabei orientiert man sich an dem s.g. Vokalkreis. Neben der Erzeugung von Obertönen mittels Mundraumresonanzen sind Oberrontechniken, wie die Bird-Technik sowie die Gong-Technik sehr hilfreiche Techniken für die Erzeugung differenzierter Obertöne. Die Anzahl der produzierbaren Obertöne verdoppelt sich bezogen auf einen konstant gesungen Grundton von Oktave zu Oktave. Ein guter Obertonsänger kann auf einem konstant gehaltenen Grundton ca. 20 deutlich zu unterscheidende Obertöne singen. Der Obertonumfang einer weiblichen Stimme ist aufgrund der höheren Grundstimme etwas geringer.

Eigenton- Therapie (Scherber)

Dieser Theorie nach hat jeder Mensch einen eigenen, ihm innewohnenden Ton, der geweckt und entfaltet werden will. Mit etwas Übung ist es leicht diesen Ton zu finden und seine Tonhöhe Zu bestimmen. Der Eigenton wird immer als angenehm empfunden und das eigene Gefühl sagt einem sehr genau welcher es ist. Vom Eigenton aus ist es leichter, das Obertonsingen zu erlernen. Mit einem entfalteten und gefestigten Eigenton ist es mühelos stundelang zu sprechen oder zu singen. Allerdings bedarf es der ständigen Hinwendung und Pflege der Stimme.

Tomatis Effekt:
,,Die Stimme kann nur Töne hervorbringen und wiederholen, die das Ohr hört. Das bedeutet, dass Sie Obertöne mit ihrer Stimme nur dann hervorbringen können, wenn Sie sie hören. Wenn Sie beginnen, die verschiedenen Bereiche des Klangspektrums wahrzunehmen, bildet sich nicht nur ihr Hörvermögen, sondern auch ihre Stimme.“

Vokale singen und dabei Übergänge beachten!

I – U
U – E
E – O
O – A

 

Die Bewusstseins-Technik

Angeblich macht jeder, der beginnt, Techniken des Obertongesanges zu erlernen, dieselbe Erfahrung: Die Wahrnehmung beginnt sich zu verändern. Besonders das Hören erweitert sich nach und nach zu einer deutlichen Wahrnehmung des ,,Klanges“ als klar definierte Obertonreihen. Einen Oberton zu singen ist jedes Mal wieder ein Abenteuer meinen Obertonsänger. Mit einem Mal wird der Oberton hörbar und diese Empfindung wird viel stärker als der Grundton. Die Grundtöne sind letztendlich nur die Basis für das explodierende Spektrum der Obertöne. Der stetige, über längere Zeit gleich bleibende Grundton beim Obertongesang führt in die Tiefe, hinter die Oberfläche der Melodie.

Übung: Intonieren des Mantras AUM oder OM. Zum Beispiel auf dem Ton Cis (nach Vorbild der Tibeter, in Indien Sahr genannt- Vater der Töne, und außerdem der Ton den unsere Sonne produziert wenn man ihn mit der →Cousto Methode in die Hörbarkeit oktaviert). Besonders beim Wechsel von Vokalen kann der Oberton hörbar werden. Für manche ist es vom A zum E, für andere vom A zum U. Joachim Ernst Berendt meint: „Alle Lehrer weisen auf die Langsamkeit des Prozesses hin und auf die Fähigkeit des nach Innen-Horchens. Zudem beginnen viele Workshopteilnehmer erst nach langern Zuhören mit eigenen Übungen, und dann sind es vorerst Atemübungen.“

Obertonsänger Roberto Laneri schreibt: ,,Der erste Schritt ist, einen Ton lange Zeit festzuhalten und zu beobachten. Man nimmt einen Ton und beobachtet ihn wie durch ein Mikroskop. Ein Tropfen Wasser mag auf den ersten Blick nicht viel von sich hergeben, aber genauer betrachtet trägt er das Universum in sich. Es ist vor allem eine Frage der Wahrnehmung, nicht der Aktion, sondem der Kontemplation. Der Ton wird gleichsam von innen beleuchtet.“

Der Obertongesang kann in dieser heutigen Zeit der zahlreichen Paradigmenwechsel und der tief greifenden Veränderung in allen Lebensbereichen, einen Weg weisen: den Weg vom Scheinbaren zum Wesentlichen, von der Unrast des Getrieben-Seins zur Stille der Kontemplation, von der äußeren Oberflächlichkeit zur inneren Tiefe des Selbst. Eine der wesentlichsten Erkenntnisse, die der Obertongesang schenkt ist: Alle Töne sind in jedern einzelnen Ton enthalten – in der unendlichen Obertonreihe, die jeder Ton als Potential in sich birgt.

Bei den Tuva gibt es der Legende nach einen heiligen WasserfalI, der den Menschen von den Göttern geschenkt wurde, um sie den Obertongesung zu lehren. Durch das Hinlauschen in die Klänge der Myriaden von Tropfen und ihr Zusammmenspiel hinter der Oberfläche der rauschenden und donnernden Wassermasse dringt der angehende Schamane tiefer in das Wesen der Natur – auch seiner eigenen- ein.

 

„Obertongesang ist Meditation im Klang. Erlernen kann ihn, wer – außerhalb der musikalischen gewohnten Bahnen bereit ist, aus der eigenen meditativen Stille heraus Klänge als Schwingungsfelder zu erleben.“
J.E. Berendt

Gehirn und Obertöne

Obertöne können auch zur Heilung verwendet werden, in dem man durch sie das Gehirn in Schwingung versetzt. Viele Menschen berichten, dass sie die Schwingungen im Gehirn spüren, wenn sie Obertöne singen, manche sehen ein Licht wenn sie die Augen schließen oder spüren verschiedene Bereiche des Gehirns angeregt. Manche Obertonsänger verfeinern ihre Technik dadurch dass sie sich gezielt auf bestimmte Bereiche zwischen Gaumen und Scheitel konzentrieren.

Es ist auch wahrscheinlich, dass durch Verwendung vokaler Obertöne neue Synapsen wachsen können. Interessant ist vermutlich im Besonderen die Funktion der Zirbeldrüse, ein seit jeher von Mythen umgebenes Organ, in den „esoterischen Kreisen“ wird sie oft mit dem dritten Auge assoziiert. Angeblich ist sie für den Richtungssinn verantwortlich.  Sie gilt als eine lichtempfindliche ,,Uhr“ und ist zudem für den Schlaf- und Sexualtrieb verantwortlich. Einige Wissenschaftler meinen die Zirbeldrüse könne Licht erzeugen. Sie enthalt große Mengen Neuromelanin, dass dem Wissenschaftler Frank Barr Zufolge ein für die zeitliche Koordination wichtiges phasengebendes, Information verarbeitendes Schnittstellenmolekül ist, das Klang in Licht umwandeln kann und umgekehrt. Bei Stimulierung produziert die Zirbeldrüse Neuromelanin und lost die Freisetzung einer Substanz aus die die licht erzeugende Chemikalie Phosphor enthalt. Laut Goldman ist es daher möglich, dass durch Stimulierung der Zirbeldrüse mit Obertönen Lichtfelder um den Körper verstärkt werden.

Stimmt es, dass Obertonsänger durch Konzentration auf bestimmte Gehirnregionen, dieselben dazu anregen Hormone zu produzieren, ist dies insbesondere interessant für Heilungsfragen. Nur müsste man dann sehr genau über die Hormone bescheid wissen, um beispielsweise nicht die Produktion des Sexualhormons anzuregen, Wenn eigentlich das Wachstumshormon gewünscht wäre oder umgekehrt.

Für Selbstausprobierer: als kleine Warnung

Die Beschäftigung mit Tönen hinterlässt im Hirn besonders dann tiefe Spuren, wenn die Finger mit ins Spiel kommen, durch die Verbindung mit der Motorik. Für den Pianisten Leon Fleisher entstand daraus ein Teufelskreis. Als er 1963, mit 36 Jahren, bemerkte, dass beim Spielen zwei Finger seiner rechten Hand verkrampften, übte er mit denen besonders emsig. Man wusste damals nicht, dass dadurch auf der »Landkarte« des Gehirns die für die einzelnen Finger zuständigen Bereiche immer weiter wachsen, bis sie sich überlagern, verschmelzen und außer Kontrolle geraten. Selbst das Gehirn hat nicht unbegrenzt viel Platz. Was bei virtuosen Passagen an Koordination zahlreicher Muskeln geleistet werden muss, bringt das Wunderwerk an seine Grenze. Vielleicht hatte Fleisher sie schon zuvor überschritten, doch mit dem verbissenen Training der betroffenen Finger legte er sie vorerst völlig lahm.

Der Obertongesang ermöglicht die fundamentale Entdeckung, dass ein einzelner Ton nicht mehr länger nur ein einzelner Ton alleine ist. Tatsächlich bringen wir beim Sprechen und Singen ganze Akkorde von Teiltönen zum Klingen, was sich meist nur unserer Wahrnehmung entzieht. Diese Reise in die Tiefen der eigenen Stimme und durch die gewöhnlichen Vokale hindurch, lässt ein riesiges „Planetensystem“ an Teiltönen in jedem einzelnen gesungenen Ton entdecken, das lang verborgen plötzlich aus dem persönlichen Klangkosmos hervor glitzert.
Laurentius Rainer (Sänger)

www.laurentius-rainer.at

Selbstheilung durch Obertongesang

Im Lauschen nach Innen entsteht ein leichter Trance- Zustand, die Gehimströme verlangsamen sich, und wir verlassen das Alltagsbewusstsein. Das langsame Singen von Vokalen wirkt wie eine Massage der Organe von innen und hat auf sämtliche Körperfunktionen harmonisierenden Einfluss. Herzschlag-, Puls- und Atemrhythmus stellen sieh harmonisierend wieder aufeinander ein, die Gehirnrinde wird wie eine Batterie mit Energie versorgt und aufgeladen.

Clara Schlaffhorst betont, dass sie ,,mit Staunen und wachsender Ehrfurcht gewahr geworden“ ist, ,,dass es hier nicht nur eine rein technische Frage zu lösen galt, sondern, dass wir uns plötzlich im Mittelpunkt der ganzen menschlichen Wesenheit befanden. Wir erlebten bei uns und unseren Schülern einen Umsturz auf allen Gebieten; zuerst gesundheitlich, körperlich. Alte eingewurzelte Leiden verschwanden. Anklange an längst überwunden geglaubte Zustande tauchten auf. Reinigungsprozesse wurden durchgemacht, Körperformen veränderten sich. Aber auch geistige und seelische Umwälzungen traten ein. Konzentrationsfähigkeit, Gedächtniskraft, Selbstvertrauen, Lebensmut, sogar Produktivitat entwickelte sich”(Schlaffhorst 1970, 36 ff).

Laut diesem Artikel über Oliver Sacks stehe fest, „dass Oktaven und Quinten als wohltuend empfunden würden, dass eine kleine Sekunde, die Dissonanz, ein Baby zum Weinen bringt und dass Rhythmen direkt aufs Nervensystem wirkten. Aber ein Schimpanse wird dazu nicht tanzen. Und die Zuordnung von Moll zu Trauer sowie Dur zu Frohsinn sei weder in der Musik des Mittelalters noch bei Mendelssohn sinnvoll.“
Quelle: "Hirnforschung: Musik vergisst man nie"

Von Volker Hagedorn 2. Juni 2008 Quelle: DIE ZEIT, 29.05.2008 Nr. 23

„Machen Sie sich also keine Sorgen, wenn Sie das Gedächtnis verlieren, werden Sie immer noch spielen können. Die Viola wird Sie für den Rest Ihres Lebens begleiten. Sofern Ihr Kleinhirn intakt ist. Sie werden sogar improvisieren können!“ (Oliver Sacks zu einem Violaspieler)
Oliver Sacks

„Eine Melodie zu hören heißt, mit der Melodie zu hören“
Victor Zuckerkandl, Philosoph