Ganz Ohr

J.E. Berendt formulierte: „Wir besitzen nur ein einziges Organ, das seine endgültige Größe erreicht lange bevor wir geboren sind. Unser lnnenohr. Da ist dann ein kleines Wesen, das unbedingt hören will. Und zwar mit einer Vehemenz und Zielstrebigkeit, vor der die Wissenschaftler jedes Mal nur mit dem Kopf schütteln können. In allem ist es von der Mutter abhängig: Atem, Blutkreislauf, Ernährung, Verdauung und Reinigungsfunktion. Nur eines will es unbedingt selbst, und zwar so schnell wie nur irgend möglich:  selbststandig hören. Selbst die Unterscheidung des Geschlechtes beginnt sich erst mit etwa 6 Wochen auszuprägen, aber das Gehör schon mit 7-8 Tagen, wenn der gerade rnal 8-9 Millimeter kleine Embryo, der ja eigentlich zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als ein Zellbündel ist, aus dem Eierstock in den Uterus gewandert ist. Das Ohr ist das erste Sinnesorgan, das uns zur Verfügung steht, und es ist laut J.E. Berendt auch das letzte, das sich im Tod abschaltet. Und auch im Leben, wenn alles seinen normalen Lauf nimmt, ist das Ohr wesentlich präziser und feinsinniger als alle anderen Sinnesorgane.

Hier ist auch die größte Dichte an Sinneszellen zu finden. In der Cochlea, der lnnenohrschnecke sind es bis zu 20.000 auf einem cm2. Und doch ist gerade in unserer westlichen Welt das Hören immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Ca 80% unserer Sinneseindrücke nehmen wir mit unseren Augen auf. Klänge, in Welcher Form auch immer, wahrnehmen zu können ist Grundbedürfnis fast aller Lebewesen auf der Erde. Fast alle Kreaturen haben eine Form von akustischer Kommunikation bis hin zum Gesang. Der Wunsch der Verbindung mit harmonischen Klängen ist für sehr viele Lebensformen elementar.

Berendt: ,,Als Beispiel möchte ich hier nur an die gewaltigen Gesange der Buckelwale erinnern. Und das sind keineswegs nur willkürlich aneinander gereihte Laute. Zum Vergleich: selbst die besten Jazzmusiker der Welt schaffen es nicht, eine halbe Stunde lang frei zu improvisieren, und dann sofort im Anschluss Ton für Ton, Note für Note exakt zu wiederholen. Man hat aber schon Walgesänge von über eine Stunde Länge aufgezeichnet, die der Wal im Anschluss sofort exakt wiederholt, und wieder, und wieder, und wieder. Gleich einem riesigen Mantra.“

Obertöne hören

Das Ohr hat auch die Aufgabe, unsere Hirnrinde mit Energie zu versorgen, ähnlich wie der Dynamo die Batterie eines Autos auflädt. Das Hirn braucht zum Leben Zucker und Sauerstoff, kann damit allein aber noch lange nicht denken. Für diese Funktion benötigt es eine andere Art von Nahrung: Stimuli, die aus allen Sinnesorganen als Fortleitung elektrischer Potentiale zu ihm gelangen. Das hierür weitaus wichtigste Sinnesorgan ist das Ohr, das ungefähr mit 90 Prozent an der Energiezufuhr zur Hirnrinde beteiligt ist – und dies fast ausschließlich durch den Empfang hoher Frequenzen (Quelle: J.E. Berendt) . ln der Schnecke (Cochlea), den Hörorgan des Innenohrs, befinden sich im Bereich der Wahrnehmung hoher Frequenzen viel mehr Sinneszellen als im Bereich der tiefen. Hohe Frequenzen setzten sich somit in eine unverhältnismäßig größere Zahl von Impulsen um, die eine Wahre „Aufladung“, eine Belebung der kortikalen Tätigkeit bewirken.

Nach dem 2. vatikanischen Konzil hielt der neue Abt eines Benediktiner-Klosters das tägliche 6-stündige Singen für nutzlos und stellte es ein. lnnerhalb kurzer Zeit waren die Mönche erschöpft und depressiv. Arzte führten diesen Zustand auf die vegetarische Ernährung zurück und verschrieben ihnen Fleisch und Kartoffeln, was dazu führte, dass es ihnen noch schlechter ging. Als Alfred Tomatis gerufen wurde, ein französischer Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der 45 Jahre lang die Funktionen des menschlichen Ohres untersucht hatte, erkannte er, dass ohne den therapeutischen und aufladenden Effekt des Singens der gregorianischen Choräle, die Mönche nicht mehr fähig waren ihren Tagespflichten nachzukommen. Bald nachdem Tomatis das tägliche Singen wiedereingeführt hatte, konnten die Mönche ihren 20 Stunden Tag wieder aufnehmen. Tomatis hat die engen Beziehungen zwischen Stimmgebrauch und Gehör erforscht. In dem ersten Tomatis-Gesetz stellt er fest: „Die Stimme enthält als Obertöne nur die Frequenzen, die das Ohr hört.“ Und im zweiten : „Gibt man dem Ohr die Möglichkeit, nicht mehr, oder nicht gut wahrgenommene Frequenzen wieder korrekt zu hören, so treten diese augenblicklich und unbewusst wieder in der Stimme in Erscheinung.“